Gerichtsmedizin vor dem Kollaps
- k2
- vor 6 Tagen
- 2 Min. Lesezeit
Die Gerichtsmedizin in Österreich steht am Rande des Zusammenbruchs. Personalmangel, Überalterung, fehlender Nachwuchs und finanzielle Engpässe setzen die Institute massiv unter Druck.

Mario Darok von der Medizinischen Universität Graz schlägt Alarm: Österreichweit gebe es nur 37 Personen mit Fachberechtigung für Gerichtsmedizin, das Durchschnittsalter liege bei 53,35 Jahren. Gleichzeitig wachse die Belastung durch Gewaltambulanzen, in Wien mit rund 1.000 Fällen pro Jahr und in Graz mit heuer erwarteten 500 Fällen.
Die Österreichische Ärztekammer warnt davor, dass Gewaltdelikte und andere Verbrechen dadurch langsamer oder im schlimmsten Fall gar nicht mehr aufgeklärt werden könnten. Laut dem Bericht des Rechnungshofs dauere ein Obduktionsgutachten in Wien im Schnitt 152 Tage, in Graz 77 Tage. Dazu komme, dass an den 4 gerichtsmedizinischen Instituten in Graz, Innsbruck, Salzburg und Wien Anfang 2024 nur 18 Fachärzte gearbeitet haben.
Zusätzlich verschärft wird die Lage dadurch, dass gerichtsmedizinische Leistungen in Österreich häufig nicht kostendeckend abgegolten werden. Für viele Einrichtungen entsteht dadurch ein erheblicher wirtschaftlicher Druck, der das Fach weiter unattraktiv macht. Gleichzeitig fehlt eine bundesweit einheitliche Organisation der Gerichtsmedizin. Unterschiedliche Zuständigkeiten und Abläufe je nach Standort führen zu Ineffizienzen und kosten in der Praxis wertvolle Zeit.
ÖÄK-Präsident Johannes Steinhart spricht von einer jahrelangen Demontage des Faches. Ein Blick nach Italien zeigt, wie weitreichend die Folgen sein können: In Italien ist die gerichtsmedizinische Versorgung in vielen Regionen seit Jahren strukturell unter Druck. Zu wenige Fachärzte, geringe finanzielle Mittel und eine unattraktive Ausbildungssituation haben dazu geführt, dass Obduktionen und Gutachten oft mit erheblicher Verzögerung erstellt werden. In der Praxis bedeutet das, dass Staatsanwaltschaften länger auf entscheidende Beweise warten müssen und sich Ermittlungen entsprechend verzögern. Gleichzeitig steigt die Belastung für die verbliebenen Experten weiter an, weil sie immer mehr Fälle mit immer weniger Personal bewältigen müssen.
Ohne rasche Gegenmaßnahmen droht sich auch in Österreich die Lage weiter zuzuspitzen. Die Ärztekammer fordert ein klares politisches Bekenntnis zur Gerichtsmedizin, mehr Ausbildungsplätze und bessere Arbeitsbedingungen. Bleibt das aus, könnte ein zentraler Pfeiler der Strafverfolgung in Österreich nachhaltig Schaden nehmen.



